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Gedanken zum frei gewählten Tod

Ein frei gewählter Tod hinterlässt uns mit offenen Fragen und wird von der Kirche als Sünde verteufelt. Laut Kirche erwartet Menschen das Fegefeuer, die diesen Weg einschlagen und in gewisser Weise auch die Hinterbliebenen, die damit fertig werden müssen. [Tweet theme=”tweet-box-shadow”]Jeder von uns kennt jemanden, der sich das Leben genommen hat und muss einen Weg finden, damit fertig zu werden.[/Tweet] Vor allem fertig zu werden damit, dass man nie die wahren Antworten kennen wird.

Selbstmorde gab es einige in meinem Umfeld. Vor allem im familiären Umfeld. Der letzte aber traf mich so unmittelbar, dass ich nicht mehr umhin kam, mich mit diesen Fragen zu beschäftigen und meine Antworten zu finden. Dieser Beitrag stellt meine eigene Sichtweise dar. Es gibt keine wissenschaftlichen Erklärungen oder religiöse Überzeugungen zum Thema Selbstmord. Nur meine ganz persönlichen Antworten. Falls du betroffen bist, sind vielleicht auch einige Antworten dabei, die dir weiterhelfen. Ich wünsche es dir, damit vielleicht ein wenig Frieden in dein Herz einziehen kann, um mit dem Geschehenen fertig zu werden.

Der Psychologe nannte den Selbstmord eine heroische Tat.

Ich fiel aus allen Wolken. Für mich war es ein Akt der Feigheit. Ein Aussteigen aus der Verantwortung. Lieber Sterben als zuzugeben, dass man nicht mehr kann und dringend Hilfe braucht. Jeder hätte dafür Verständnis gehabt. Aber wenn man das Bild, das gesellschaftlich erwünscht und anerkannt ist, aufrechterhalten will, ist das nicht mehr so einfach, wenn es anfängt zu bröckeln und zusammenzubrechen droht. Was für ein Segen für jeden, der den Absprung schafft!

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Aus der Sicht des Psychologen überwindet ein Mensch willentlich seinen Drang zu überleben. Und dieser Wille scheint ja eigentlich unüberwindbar zu sein. Warum sonst kämpften Menschen, die mit dem Tod konfrontiert sind, zum Beispiel bei einem Unfall oder bei Krebs etc., so sehr um ihr Leben? Zudem würde man ja den Zeitpunkt selbst wählen, wann man stirbt. Ein Akt von Größe?!?

[Tweet theme=”tweet-box-shadow”]Mitnichten. Selbstmord ist ein Akt größter Verzweiflung. Eine unbeschreibliche Hilflosigkeit und ohne Hoffnung. [/Tweet]

Der Drang leben zu wollen ist völlig ausgeschaltet und auch jedes Gefühl. Nichts, wirklich gar nichts spielt mehr eine Rolle. Man wird unerreichbar. Der Schmerz, den man empfindet, soll endlich aufhören und man möchte, dass die anderen endlich begreifen… Es scheint der einzige Weg zu sein. Etwas, das in so einem Moment nicht präsent ist, ist das Erkennen, wie final dieser Weg tatsächlich ist…

Warum ich das weiß?

Als Jugendliche befand ich mich in so einer Situation. Nach einem Streit, bei dem ich mich wieder einmal zutiefst verletzt fühlte, wollte ich „denen zeigen, was sie davon haben“. Ich wollte mich vor den Zug werfen … Jetzt muss man wissen, dass der nächste Bahnhof ungefähr 20 Minuten Fußwanderung bedeutete und die Züge auch nicht im Minutentakt verkehrten. Zeit genug, um wieder klar denken zu können und zu begreifen, dass diesen Schritt wohl niemand verstehen würde.

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Niemand wusste, wie es innerlich in mir aussah und womit ich kämpfte. Ich würde mein Ziel damit nicht erreichen, aber sehr viel Schmerz hinterlassen. Und für mich wäre die Sache gelaufen. Das wollte ich so auch nicht. Also ließ ich meinen Plan fallen und kehrte um. Allerdings hatte ich viele Monate immer eine Rasierklinge bei mir, für den Fall, dass ich es einfach nicht mehr ertragen könnte…

Warum ich dir das erzähle?

Weil uns oft Schuldgefühle das Leben schwer machen.

Ein Selbstmord hinterlässt IMMER schweben Fragen wie „Hätte ich es verhindern können?“, „Habe ich etwas falsch gemacht?“; „Habe ich nicht genau zugehört?“; etc. Wir beschuldigen uns: „Ich hätte etwas bemerken müssen!“; „Ich hätte etwas tun müssen!“ und und und

Tatsache ist: Es gibt nicht diesen EINEN Auslöser. Maximal gibt es einen Auslöser, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat. Bis es soweit ist, ist schon vorher viel passiert. Und das vermutlich auch noch von vielen Seiten gleichzeitig.

Selbstmord, Verzweiflung, Todesanzeigen, FreitodHinzu kommt noch, dass wir Menschen sind und Menschen orientieren sich an Überzeugungen. Vor allem auch an Überzeugungen über sich selbst und welcher Bedeutung sie einer Situation geben. Viele dieser Überzeugungen sind übernommen: weil sie uns vorgelebt wurden, weil sie uns zum Beispiel in einem Film besonders beeindruckt haben oder aus anderen Gründen. Teilweise wissen wir nicht einmal mehr, woher unsere Überzeugungen ursprünglich stammen und wir überprüfen sie selten. Es macht also keinen Sinn, sich Vorwürfe zu machen. Und es ändert nichts am Endergebnis.

Hätte ich etwas tun können?

Diese Frage finde ich besonders spannend.

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Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass es keinen Weg gibt, jemanden von seinem Vorhaben Selbstmord zu begehen abzubringen, wenn er diesen Weg für sich gewählt hat. Es wird nur eine Frage der Zeit sein bis es gelingt. Ebenso felsenfest bin ich davon überzeugt, dass die Umsetzung nur gelingt, wenn „unsere Uhr“ – also unsere Zeit hier auf Erden – abgelaufen ist.

[Tweet theme=”tweet-box-shadow”]Wenn wir unsere Aufgabe hier auf diesem Planeten noch nicht erfüllt haben, kommt der Zufall zu Hilfe. [/Tweet]Das Vorhaben wird durchkreuzt; man wird in letzter Sekunde noch gefunden und gerettet. Vor 2 oder 3 Jahren habe ich von einem Mann gelesen, der seinem Leben ein Ende gesetzt hat und gleich mehrere „Methoden“ angewandt hat, um sicherzustellen, dass sein wiederholter Selbstmordversuch tatsächlich klappt und quasi die nächste Methode automatisch sichergestellt ist, falls die vorhergehende fehlschlägt. Dieser Mann wollte einfach nicht mehr leben!

Was mir in meiner Situation geholfen hat

Auf einer Trauerkarte war ein Spruch geschrieben:

„Als Gott sah, dass der Weg zu weit war, der Hügel zu steil und das Atmen zu schwer wurde, nahm er Dich in den Arm und sprach „Komm heim“.

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Ich fand damals Trost in diesem Spruch und es ist bis heute so. Für mich ist ein Freitod nur eine andere Art zu sterben und zu unserem Ursprung zurück zu kehren. Es gibt weder einen Grund, sich schuldig fühlen zu müssen noch diese Tat zu verurteilen. Es gibt Menschen, in denen der Wunsch angelegt ist, ihr Leben auf diese Weise zu beenden und es gibt Menschen, für die wäre so etwas undenkbar. Es ist einfach nur, was es ist: menschlich. Als Menschen verfügen wir über einen freien Willen. Sogar darüber, auf welche Art und Weise wir diese Welt verlassen wollen.

 

Fotos:
Beitragsbild Emanuel Nöhmeier Fotografie
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M.E._pixelio.de
M.E._pixelio.de
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Helene Souza_pixelio.de

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